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USELESS ID: „Die Wut soll dir direkt ins Gesicht springen“

Interview Useless ID

Die israelische Punk-Band USELESS ID hat mit „State Is Burning“ gerade ihr achtes Studioalbum veröffentlicht. Nach der Release-Show im Barby Clun in Tel Aviv, Anfang Juli, sind Useless ID momentan als Support für Lagwagon und einigen Headliner-bzw. Festival-Shows auf Tour in Europa.
Nach dem Auftakt in München stellten die Jungs aus Israel am 15.07. in Köln in der Live Music Hall ihr neues Material vor. Im Backstageraum standen mir Ishay (Lead Guitar, Back Vocals) und Yotam (Vocals, Bass) vor dem Konzert Rede und Antwort und nahmen sich viel Zeit für ein interessantes Interview.

Bevor wir anfangen erst einmal Herzlichen Glückwunsch, Ishay. Du hattest letzte Woche Geburtstag und bist auch nach über 20 Jahren Punkrock noch in guter Form.

Ishay: Danke! Ja ich bin 38 geworden. Dabei dachte ich vorher, dass ich bereits 38 Jahre alt bin und 39 werde. Haha. Und es geht mir gut dabei. Ein Vorteil ist sicherlich, dass ich nicht trinke. Ich hatte meine Phase des Alkohols auf Tour aber habe relativ spät damit angefangen und früh wieder aufgehört. Die zerstörten Morgende zwischen den Shows können dich fertig machen. Nach mehreren Touren in Italien bin ich dort einmal nüchtern aufgewacht und dabei geblieben.

Um beim Thema Alter zu bleiben. Gestartet als Jugendliche und nun nach über 20 Jahren als Band wie auch als Personen erwachsen geworden, wie stellt sich euer Alltag dar, auch im Vergleich zur Anfangszeit?

Ishay: Ich habe keine Kinder, genau wie kein anderer in der Band. Wir haben nie mit der Musik oder dem Touren aufgehört oder eine längere Pause gemacht. Es ist für uns also nicht ungewöhnlich immer so weiter zu machen. Es war für jeden in der Band klar, dass dies der Mittelpunkt des Lebens ist und wir immer weiter machen solange es Spaß macht. Wir lieben die Musik und ich glaube wir würden es nicht machen, wenn wir nicht das Gefühl hätten, den Leuten etwas anbieten zu können. Wir sehen uns als Band die nicht ständig wiederholt, was sie bereits macht, sondern sich auch immer weiterentwickelt. Es ist die Art immer weiter zu machen, nach vorne zu gehen und dabei alles andere hinter sich zu lassen bzw. die Prioritäten klar zu setzen. Unser Alter ist z.B. überhaupt nicht wichtig im Vergleich zu den Songs die wir spielen und lieben.

Fühlt ihr euch denn manchmal schon alt oder zeigt euch euer Körper die Grenzen auf? Für diese Tour habt ihr ja wieder einen vollen Terminkalender.

Yotam: Tatsächlich fühle ich mir jetzt sogar besser als früher in meinen 20ern, vielleicht liegt es daran, dass ich jetzt mehr trainiere. Ich habe viel Power und Energie und glaube an die Musik die wir momentan machen. Nicht, dass es vorher nicht so war, aber die neue Musik sowie die Einheit als Band gefallen mir momentan sehr. Ich denke nicht so viel über das Alter nach, obwohl es natürlich da ist. Manchmal fühle ich mich alt, wenn beispielsweise nach einer Show die Party startet, wie wahrscheinlich heute Nacht, und die Lagwagon-Leute, die älter als wir sind, bis 5 Uhr morgens feiern.

Ishay: Ich fühle mich alt, wenn da neue Musik ist, die die Kids heute hören und die ich nicht verstehe. So wie früher als ich jung war und meine Musik von den Erwachsenen oder älteren Leuten auch nicht verstanden wurde. Wahrscheinlich mag ich Musik, die auch Leute in meinem Alter mögen. Außerdem entdecke ich gerade Bands aus den späten 70ern neu. Davon abgesehen hält dich die schnelle und aggressive Punkmusik und Szene auf einem hohen Kraft- und Energielevel, im Gegensatz zu langsamer depressiver Musik, und wir kommen immer wieder dorthin zurück weil es genau unser Ding ist.

Yotam: Wir haben den meisten Spaß wenn wir diese Art von Musik spielen und hören. Es ist einfach das was wir machen und lieben.

Vor vier Jahren habt ihr bereits eine längere Tour mit Lagwagon gespielt. Was erwartet ihr dieses mal? Wird es ähnlich oder komplett anders werden?

[Chris Flippin von Lagwagon kommt in den Raum rein]

Yotam: Wir erwarten von der Tour mit Lagwagon diesen großen und großartigen wunderbaren Mann mal wieder zu sehen. Haha. Nach dem ersten Konzert gestern ist es jetzt bereits besser als vor vier Jahren.

Ishay: Das ist das zweite Konzert der Tour. Gestern haben wir mit Lagwagon bereits in München gespielt und das war super. Es ist eine tolle Situation, dass wir beide neue Alben draußen haben und direkt touren können, da es manchmal länger dauert nach einer Veröffentlichung auf Tour zu gehen und es ist aufregend die neuen Songs zu spielen. Außerdem ist die Tour mit 23 Shows noch länger.

Bei euren Konzerten in Europa tretet ihr sowohl als Support von Lagwagon, in eigenen Headliner-Shows sowie bei Festivals auf. Worauf freut ihr auch am meisten, welche Art von Gig ist die beste?

Yotam: Ja das stimmt, es ist jedes Mal sehr unterschiedlich. Meistens wenn Lagwagon einen Day Off haben, spielen wir zusätzlich eigene Gigs und beide Bands spielen auch zum Teil auf unterschiedlichen Festivals.

Ishay: Egal welche Form von Auftritt, jede kann und sollte meiner Meinung nach großartig sein. Eine kleine Clubshow kann genauso wie eine große Festial-Show gut laufen und viel Spaß machen oder das genaue Gegenteil passieren. Gestern hatten wir zum Beispieleinige technische Probleme, aber jeder in der Band hat es trotzdem genossen auf der Bühne zu stehen. Wir sind lange genug in der Band um in solch einer Situation nicht nervös zu werden.
Wir hatten schon riesige Shows in der Arena als Support der Toten Hosen und am Tag danach eine kleine Clubshow in Düsseldorf. Wir mögen beides und stellen uns jeweils auf den Rahmen ein.

Gibt es bei den Festivals im Sommer eine Band, auf die ihr euch als Fans am meisten freut?

Ishay: Asta Kask aus Schweden. Sie spielen direkt vor uns auf dem Ruhrpott Rodeo im August und als ich die Running Order gesehen habe konnte ich es gar nicht glauben, dass es so einen glücklichen Zufall gibt. Darauf freue ich mich wirklich. Ich habe alle 7 inches etc. von denen und kaufe bestimmt 3 Shirts wenn wir zusammen spielen.

Yotam: Für mich ist es Negative Approach und ich kaufe von denen 3 Shirts.

Ishay: Wir sind generell totale Fans dieser Musik. Vor vielen Jahren waren wir zufällig mit No Means No auf derselben Fähre nach Großbritannien und wir waren wie die Kids auf einem Konzert. Es ist z.B. auch unglaublich Lagwagon jeden Abend zu sehen, wir waren Fans von Ihnen seit unserer frühesten Zeit. Das erste Mal haben wir mit Ihnen in Los Angeles gespielt und ich konnte es einfach nicht glauben, dass wir das wirklich machen.

Wo du gerade die 7 inch erwähnt hast, euer Album kommt ebenfalls auf Vinyl raus, sammelt ihr auch? Und was haltet ihr von dem aktuellen Plattenrevival?

Ishay: Ja auf jeden Fall. Wir verbringen auf Tour immer Zeit in diversen Plattenläden und es ist schon fast eine Sucht.

Yotam: Ich konnte 12 Jahre lang keine Platten hören, da ich keinen Player hatte. Aber jedes Mal in Japan oder so, habe ich mir trotzdem welche gekauft. Jetzt habe ich wieder einen Player und höre mir alles an.

Ishay: Musik ist für mich wirklich wichtig und etwas magisches. Ich höre morgens z.B.  gerne immer etwas wütendes wie Napalm Death wenn ich mir’n Kaffee mache. Mit Vinyl kann man die Musik in gewisser Weise bewahren. Dateien können gelöscht und CDs zerkratzt werden, aber eine LP bleibt bestehen. Und es verbinden sich damit immer besondere Erinnerungen, wann und wo du eine Platte gekauft hast. Einige Leute sagen, dass es momentan nur ein Trend ist, reden schlecht über den aktuellen Hype und versuchen etwas negatives zu finden. Aber ich kann überhaupt nichts schlechtes daran finden, dass die Schallplatte jetzt zurückkommt. Im Gegenteil: Plattenfirmen und kleine Läden haben die Möglichkeit zu überleben und neue Sachen zu machen.

Reden wir über etwas über eure Herkunft. Wo lebt ihr, wenn ihr gerade nicht tourt? In Haifa, Tel Aviv oder vielleicht Los Angeles?

Yotam: Okay, alles was du gerade aufgezählt hast, trifft auf mich zu. Haha. Ich lebe meistens on the road und lebe in Haifa wenn ich in Israel bin, um von dort die nächste Tour zu organisieren. Am Anfang haben wir alle noch in Haifa gelebt, sind aber nach ein paar Jahren nach Tel Aviv gezogen, Ishay war der Erste.

Ishay: Ich dachte, wenn ich nicht aus Haifa wegziehe werde ich nie bei meinen Eltern herauskommen, da eine eigene Wohnung in der gleichen Stadt mir als Geldverschwendung erschien. Innerhalb eines Jahres ist nach mir auch der Rest der Band nach Tel Aviv gezogen.
Die Szenen in Haifa und Tel Aviv haben sich Anfang der 90er jedoch stark unterschieden. In Tel Aviv waren Bands wie Chaos UK, GBH oder The Exploited angesagt und Haifa war mehr in Richtung New York Hardcore wie Chain of Strenght oder Battery unterwegs.
Da Israel nicht so groß ist und man in 6 Stunden einmal durch das ganze Land fahren kann, ist es quasi unmöglich länger als ein Wochenende innerhalb des Landes zu touren. Manchmal machen wir drei Shows an einem Wochenende in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv, dort immer im Barby Club, aber das war es dann auch.

Spielen viele ausländische Bands in Israel?

Ishay: Ich habe in Tel Aviv z.B. NOFX, Hatebreed oder Pete Doherty von The Libertines gesehen. Und die Toten Hosen haben wir dort kennengelernt als wir den Support für sie gespielt haben. Daraufhin haben sie uns großartigerweise auf ihre Show eingeladen.

Erzählt doch bitte etwas über das neue Album „State is Burning“.

Yotam: Das vorherige Album war sehr persönlich und die meisten Texte drehten sich um mein Leben, meine Gefühle und meine Beziehung. Bei „State is Burning“ fühlten wir alle, dass es textlich nach vorne gehen sollte. Wir wollten zeigen, dass wir eine Band aus Israel sind und uns nicht fürchten unsere politischen Ansichten zu sagen. Nicht zu einzelnen konkreten Themen, aber wie wir uns mit der aktuellen Lage fühlen.
Ich fordere mich immer selber heraus, bessere Texte zu schreiben und bin nie zufrieden. Ich lese viele Bücher und die leider schlechten Nachrichten um mich zu inspirieren.

Ishay: Die Zustände in der Welt werden schlechter und auch wenn du dich nicht die ganze Zeit damit beschäftigst macht es dich wütend. Wir hatten immer auch etwas politische oder gesellschaftliche Themen oder Hintergründe in den Texten, aber bei „State is Burning“ jetzt halt noch etwas mehr. Am wichtigsten war es dieses Mal, die Wut direkt und leicht verständlich ohne Methapern oder verallgemeinerte Beschreibungen rauszulassen. Es soll dir direkt ins Gesicht springen und das war neu für uns.

Das Artwork des Albums ist nicht sehr subtil. In der Collage aus verschiedenen Bildern sieht man direkt, dass etwas mit dieser Welt nicht stimmt. Wie ist das Cover entstanden?

Ishay: Wir waren sehr beschäftigt mit den Aufnahmen bis das finale Mastern geschafft war und hatten zu dem Zeitpunkt noch gar keine Idee wie das Cover aussehen sollte. Ein Freund von der israelischen Band Kids Insane aus Tel Aviv hat uns den Arsch gerettet. Er hat das Cover in zwei Tagen hergestellt.

Yotam: Wir saßen mit ihm zusammen, haben die neuen Sachen gehört und ihm außerdem einige Referenzen alter Punkplatten aus den 80ern gezeigt, damit er eine Vorstellung bekommt in welche Richtung es gehen soll. Dazu noch die Vorgabe der Farben: Rot, Weiß und Schwarz. Du kannst direkt sehen, welche Musik dich erwartet und um was es auf dem Album geht.

Auf welchen Song vom neuen Album freut ihr euch am meisten ihn live zu spielen?

Ishay: Mit der Erfahrung von gestern klappt „How to Dismantle an Atom Bomb“ mit dem „We are We are“-Chorus sehr gut.

Yotam: Ich freue mich jedes mal auf „Land of Idiocracy“, den ersten Song der Show (wie auch des Albums), da es einer der besten Texte ist die wir geschrieben haben. Es geht darum, dass wir sauer sind auf die Leute, die das Land Israel führen bzw. versuchen es zu führen. Es ist alles korrupt und beschissen im Moment.

Wie setzt ihr eure Setlist zusammen?

Yotam: Am liebsten würden wir natürlich alles vom neuen Album spielen. Es wird jedoch eine Auswahl zur Hälfte neue Songs und zur anderen Hälfte alte Songs sein, die meisten jedoch von den Alben ab Redemption und nicht die ganz alten Sachen, da wir insgesamt nur vierzig Minuten haben.

Ihr seid bisher schon viel in der Welt herumgekommen. In welchem Land wo ihr bisher noch nicht wart, würdet ihr ein Konzert spielen, wenn ihr euch eins wünschen könntet?

Yotam: Wir sollten mal in Südamerika spielen.

Ishay: Du hast recht, aber ich finde wir müssen unbedingt nach Finnland und Schweden gehen. Da kommen die wirklich richtig guten Punk und Hardcore Bands her. Es ist lächerlich, dass alle immer über die Bands aus Amerika und Großbritannien sprechen. Wir haben viel Respekt vor den Bands aus Italien, Spanien und Deutschland. Aber die besten von alle kommen aus Finnland und Schweden. Und wir waren dort noch niemals, also bin ich wirklich gierig darauf! Wir hatten mal eine Einladung nach Indonesien aber ich denke mit unseren Reisepässen werden wir dort niemals spielen können.

Hast du, neben Asta Kask, noch eine weitere Empfehlung von dort?

Ishay: Anti-Cimex ist die beste Hardcore-Band aus Schweden. Eine großartige Band aus Finnland, die viele Leute vielleicht bisher verpasst haben, heißt Ypö-Viis.

Ihr habt mehr als 10x in Japan getourt, wie ist es dazu gekommen?

Ishay: Naja, einige Leute mit denen ich spreche wissen nicht, dass Japan mehr als gut 120 Millionen Einwohner hat. Das ist ungefähr doppelt so viel wie Großbritannien. Also macht es Sinn, dort zu spielen. Und wir haben dort eine starke Fanbasis, da wir dort häufig spielen und im Oktober werden wir auch State is Burning dort präsentieren.

Useless-ID-State-is-Burning-cover

„State Is Burning“ ist euer zweites Album bei Fat Wreck. Was ist der Unterschied zu früheren Aufnahmen?

Ishay: Es ist anders, aber nicht nur auf Grund des neuen Labels. Viele Dinge haben sich im Laufe der Zeit geändert. Also wir bei Kung Fu Records für vier Alben unterschrieben haben, gab es quasi noch kein Internet. Ihr könnt euch vorstellen in welcher Art und Weise sich alles geändert hat. Wir sind sehr dankbar jetzt auf diesem etablierten Label zu sein, sie sind gleichzeitig sehr professionell, entspannt und freundlich.

Was ist mit eurem Label Falafel Records, gibt es das noch?

Ishay: Im Moment nicht, wir haben unsere Alben nur selber herausgebracht, da wir keine andere Wahl hatten. Aber es ist besser wenn das jemand macht, der darin erfahren ist und wir uns auf die Musik konzentrieren können.

Wenn es Falafel Records nicht mehr gibt, ist es trotzdem noch euer Lieblingsessen?

Yotam: Ja, wir essen immer noch gerne Falafel. Wenn ihr mal in Haifa seid, geht zu Falafel Orion, da gibt es die besten!

Okay werde ich bei Gelegenheit machen. Besten Dank für das Interview und viel Spaß beim Konzert und der Tour!

Info: uselessid.net | uselessid.bandcamp.com

Useless ID – We Don’t Want The Airwaves (Official Video) from Fat Wreck Chords on Vimeo.