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Rantanplan: „Man kann sagen, wir sind wie die Vogelspinne: heiß und schnell“

Rantanplan baten anlässlich des Abschlusses ihrer „Licht und Schatten“ Tour am 01. April 2017 im ausverkauften Kölner Underground zum Tanz. Im Gepäck hatten sie live vier Stücke vom neuen gleichnamigen Album sowie ca. 30 weitere Hits von früh bis spät aus ihrer mittlerweile 22-jährigen Bandgeschichte. Zwei Stunden vor Konzertbeginn empfing mich die komplette Band gut gelaunt im Backstage des Underground und machte sich getränketechnisch schon mal warm für den Abend. Bei den Antworten spielten sich Gero und Torben die Bälle zu und sorgten für eine kurzweilige halbe Stunde.

Heute also Tour-Abschluss in Köln nach knapp 30 Shows in neun Wochen. Wie fällt euer Fazit aus, gibt es irgendetwas, das richtig super oder aber auch richtig scheiße war?

Torben: Wir wollen jetzt auch keinem zu nahe treten, aber für mich waren auch so zwei bis drei richtige Eier dabei, richtig faule Eier. Aber bei so vielen Shows ist das ja fast nix. Wir wundern uns alle, dass die Show heute wirklich schon zu Ende gehen soll. Fühlt sich noch so an wie mittendrin und es könnte auch gerne noch weitergehen. Auch von der Kondition her, was wir im Vorfeld nicht gedacht hätten. Da wo wir dürfen, spielen wir immer zwei Stunden und es könnte ewig so weitergehen. Aber: Fass die Uhr nicht an.

Auf der Tour hattet ihr unter der Woche meistens immer so drei bis vier Tage Pause. Seid ihr dann jedes Mal von Hamburg aus wieder los und habt zwischendurch gearbeitet oder wie muss ich mir das vorstellen?

Torben: Tatsächlich sind wir immer so donnerstags los und dann bis samstags spielen, manchmal auch ab Mittwoch und dann sonntags wieder zurück. Das ist die allgemeine Entwicklung der Livekonzerte. Ein Montag oder Dienstag war noch nie ein Highlight, hat sich früher aber trotzdem wie ein Samstag angefühlt. Diese Zeiten sind leider vorbei, das ist jetzt anders.

Gero: Das war jetzt wirklich neun Wochen am Stück keinen Tag frei. Drei Tage spielen, am Sonntagabend wieder zu Hause. Anschließend Montag, Dienstag und Mittwoch malochen und wieder los.

Torben: Ich hab das fast zum ersten Mal ganz anders gemacht und gar nicht gearbeitet. Ich hab aber auch drei Kinder, um die muss ich mich auch ein bisschen kümmern. Außerdem werde ich auch älter und merke, dass es nicht mehr so komplett geht. Ab Montag muss ich dann sieben Tage am Stück arbeiten und bekomme wahrscheinlich erst mal ne fette Erkältung so erfahrungsgemäß. Die hab ich mir nämlich auf dieser Tour gespart.

Euer letztes Konzert in Köln habe ich auch gesehen, das war der Karnevalsfreitag 2016 ein paar Meter weiter im Sonic Ballroom. Damals unter dem Pseudonym „Die unbekannten Pferdemänner aus St. Pauli“. Was erwartet ihr heute? Ihr habt ja auch schon in der größeren Essigfabrik hier gespielt.

Torben: Wir waren schon öfter im Underground und das war immer am geilsten. Sonic Ballroom ist auch toll, keine Frage, aber auch recht klein. So wie hier der ganze Backstage. Und heute sind knapp 400 Leute da. Köln ist mal wieder gut zu uns und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn das heute nicht burnen würde. Und darauf freuen wir uns schon seit gestern Abend!

Habt ihr heute zum Ende der Tour denn etwas besonderes geplant? Spielt ihr einen Song, den ihr lange nicht live gespielt habt oder so?

Torben: Wir hauen uns ja so weg, bei jedem Konzert schmettern wir auf der ganzen Tour, dass wir uns schon wundern, dass wir das nächste Konzert noch so gut hinbekommen. Vieles passiert halt am Rande der Leistungsfähigkeit und das ist halt die Musik. Vorher warm trinken, deshalb auch nur kleine Becher hier [mischt sich noch einen Becher Rum-Cola].

Gero: Ich hab mir vorgenommen, mir richtig einen rein zuschrauben. Vielleicht mal wieder stagediven mit Posaune und so.

Ihr habt euer neues Album im Gepäck, wie viele Lieder können wir davon heute erwarten?

Torben: Wir würden natürlich am liebsten die ganze Platte spielen, aber das geht ja nun mal leider nicht. Wir werden auch zeitlich reglementiert, mehr denn je. Früher durfte man auch mal drei Stunden spielen, das war kein Thema. Wir haben „Hörbie“, der auch auf der Platte ist, wieder im Set. Den hatten wir eigentlich 2011 rausgeschmissen, das war immer nur so ne spontane Livenummer.

Gero: Also vier Songs spielen wir von der aktuellen Platte.

Torben: Nur vier?

Gero: Ne sorry, sogar fünf!

Das Line-Up-Karussell hat sich ebenfalls mal wieder gedreht, auf der neuen Platte taucht Ulf nicht mehr im festen Line-Up und den Fotos auf. Wie kam das, macht er etwas anderes oder spielt nur noch sporadisch mit euch?

Torben: Ulf ist ja jetzt irgendwie im Auftrag des Herrn unterwegs und wir haben die gleichen Arbeitszeiten. Gottesmann und Punkrocker müssen halt immer Freitag, Samstag, Sonntag arbeiten. Manchmal probt er aber noch mit uns und spielt auch live, wenn es sich einrichten lässt. Aber er schreibt auch noch viele Songs, mehr denn je, und es fehlt im auch sehr. Aber man kann nur auf einer Hochzeit tanzen.

Was habt ihr heute bisher so getrieben? Vielleicht sogar mal die Stadt angeschaut?

Torben: Stadt angucken? Aus dem Alter sind wir raus. Wir standen im Stau und waren trotzdem zu früh, das war etwas besonderes. Dann haben wir wild gepisst und uns kam ne Frau entgegen, die sich dann aber als langhaariger Trucker entpuppt hat. Dann hatten wir unseren Charme völlig vergeudet.

Eure weiteren Pläne nach der Tour? Was habt ihr in der Festivalsaison so vor?

Gero: Mitte und Ende Mai geht es los mit den Festivals. Danach geht es dann Schlag auf Schlag und wir haben jedes Wochenende mindestens ein Festival auf dem Programm bis Mitte August. Und dann kommt im Herbst wahrscheinlich noch ein zweiter Teil der Tour.

Ihr habt bisher schon vier Videos veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Torben: Ideen hatten wir für doppelt so viele Videos.

Gero: Also der Trend geht ja schon seit ein paar Jahren in diese Richtung, dass man für eine Platte vier bis sechs Videos tatsächlich macht. Früher hat man die Videos raus gebracht, wenn wir Platte raus war und heutzutage kommt das alles vorher, um die Leute darauf aufmerksam zu machen. Mit dem Releasetermin ist die Platte dann schon wieder alt in der heutigen Zeit.

Die Aufnahmen zur Platte habt ihr im Cloudshill Studio in Hamburg aufgenommen, wieso fiel die Wahl auf ein Studio in Hamburg und wie ist das so abgelaufen?

Torben: Wir haben uns da einige Tage eingeschlossen. So ein Album kann man nicht nur nach Feierabend machen, sonst klingt das dann auch nach Feierabendmusik. Wir haben tatsächlich dort auch schon mal vorher aufgenommen.

Gero: Also wir haben im Vorfeld schon unterschiedliche Studios ins Auge gefasst, das ganze dann aber erst mal in Eigenproduktion aufgenommen, uns angehört und gedacht: Ok, so machen wir das nicht. Dann wieder auf löschen gedrückt und im Cloudshill Studio, das wir ja auch schon kannten, mit Linda Gerdes aufgenommen und damit ein cooles Studio gefunden, in dem wir uns auch wie zu Hause fühlten…

Torben: …und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich war nämlich gerade zu Hause raus geflogen, also die Aufnahmen starteten und konnte dann da erst mal wohnen.

Jetzt meine obligatorische Fußballfrage. Ihr seid ja lokal sehr mit St. Pauli verwurzelt, was sich auch durch diverse Lieder zieht. Wie sieht es mit dem FC Sankt Pauli aus? Seid ihr alle Fans, geht ihr auch öfters ins Stadion?

Gero: Wenn wir nicht auf Tour sind, gehen einige sehr gerne ins Stadion. Aber das Problem ist natürlich, dass wir dann oft unterwegs sind. Aber englische Woche und die eigentlich unsäglichen Montagsspiele bieten uns dann auch mal die Gelegenheit für einen Besuch im Millerntor. Ansonsten ist das schon bitter, wenn man das nur auf’m Handy verfolgen kann.

Torben: Ich hab ja sogar auch mal bei Sankt Pauli Fußball gespielt. Bin auch immer noch Vereinsmitglied, aber hab kaum noch Zeit. Das Stadion besuche ich noch ein oder zwei mal im Jahr.

Um mal auf dem Kiez zu bleiben, wenn ich in Hamburg bin, war ich immer sehr gerne in der Cobra Bar. Die gibt es ja nun leider nicht mehr. Habt ihr einen Alternativvorschlag?

Gero: Ich hab mal vier Jahre in der Cobra Bar gearbeitet.

Torben: Das hat auf jeden Fall ein Loch hinterlassen. Echt schade! Ich mochte die echt gerne. Wir haben auch mal in der Cobra Bar live gespielt. Dem haben die Cops aber leider ziemlich schnell den Garaus gemacht. Keine 20 Minuten, da war das Konzert wieder zu Ende. Ansonsten wäre da noch das Jollys auch mit kleiner Tanzfläche und guter Punkrockmucke oder der Gun Club zu empfehlen.

Gehen wir ein Stück weiter in den Norden in Richtung Kiel und seine Straßengangs. Bernd Knauer auf dem Cover der Bonus-CD und eure Sprüche aus Youth Wars, wie kam es dazu?

Torben: Man kann eigentlich sagen, wir sind wie die Vogelspinne: heiß und schnell. Erst warten wir und dann gehen wir auf Tour.

Gero: Also als Norddeutscher bzw. Hamburger oder Schleswig-Holsteiner wirst du eigentlich mit der Doku heutzutage auch groß. Das heißt, du kennst Bernd Knauer und Herrn Fugbaum. Und Laboe ist fällig! In Norddeutschland ist das auch Kult, die Kieler Schaubude hatte mal eine zeitlang Jutebeutel mit dem Konterfei von Bernd Knauer. Das ist einfach grandios.

Torben: Stand da „Schmeiß rein“ drauf? So welche hab ich auch mal gesehen. Schmeiß rein. So heißt auch das nächste Album: „Schmeiß rein“! Das ist quasi das Kieler „Rocker“-Ding. In Hamburg ist ja „Rocker“ aus den 70ern so ein Kultfilm, den haben wir auch schon zehn Jahre durchgekaut. Jetzt sind wir bei „Youth Wars“ und brauchen Nachschub.

[Die nächsten Minuten werden sich Zitate aus „Youth Wars“ gegenseitig an den Kopf geworfen und dabei kaputtgelacht]

Zum Ende noch ein anderes Thema, wie seht ihr eure (politische) Verantwortung als Künstler in diesen Zeiten des Rechtsrucks in Deutschland und Europa sowie der ganzen weiteren weltweiten Scheiße positiv auf die Leute einzuwirken?

Torben: Auf jeden Fall! Es ist manchmal schon schwierig sich da richtig zu verorten, aber wir machen das auch und sind z.B. Pate bei „Schule ohne Rassismus“ und so und bringen uns da ein. Man muss Flagge zeigen heutzutage, weil die anderen zeigen auch ihre scheiß Flaggen. Es ist halt ’ne schwierige Zeit.

In dem Zusammenhang die Frage, wie ihr das mit „Nazis raus“ Rufen auf linken Konzerten haltet. Einige Bands haben ja den Standpunkt, dass das nur ein sich selbst abfeiern ist und unnötig wäre weil auf den Konzerten eben gar keine Nazis sind.

Torben: Ich sehe das auch so, das ist Selbstbeweihräucherung. Dann kannst du auch in die Kirche gehen, das bringt es nicht. Man muss es denen sagen, die es nicht hören wollen. Na klar kann man sich auch mal abfeiern und „Alerta Alerta“ einen Augenblick und so, aber dann ist gut. Mehr ist peinlich.

Gero: Es geht darum, an den richtigen Orten unbequem zu sein. Wir brauchen auf einem Anti-Nazi-Konzert keine „Nazis raus“-Sprechchöre. Da ist keiner, den wir überzeugen müssen. Wir müssen halt zusehen, dass wir da angreifen wo diese Spacken auftauchen und dort anfangen die zu nerven.

Torben: Wir haben letzten Jahr aber auch schon mal etwas abgesagt, als sich herausgestellt hat, dass das wirklich ganz rechtsoffen ist und so. Da wollen wir nichts mit zu tun haben.

Zum Schluss noch schöne Grüße von Alex und den Kölnern von Cobretti an Gero. Woher kennt ihr euch denn?

Gero: Ja cool, die habe ich lange nicht gesehen! Ich kenne halt die Tackleberry-Jungs aus Kiel, die es ja mittlerweile nicht mehr gibt. Mit denen haben Cobretti häufig zusammen gespielt und tatsächlich habe ich irgendwann mal, als ich zu meinem Geburtstags ein Konzert veranstaltet habe, Tackleberry, Cobretti, American Tourist und eine italienische Band eingeladen, an deren Namen ich mich zu meiner Schande nicht mehr erinnern kann. An die Show kann ich mich aber auch nicht mehr erinnern, muss ein guter Geburtstag gewesen sein.

Torben: Vielen Dank auch für’s Interview. Und wisst ihr, was mir am allerbesten am Interview gefallen hat? Nix!

Info: http://www.rantanplan-sucks.de  /  https://www.facebook.com/rantanplanband