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GWLT: „Stein und Eisen stehen für Wut und Furcht“

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Rap und Hardcore! Das hatten wir in den Neunzigern schon mal und da liegt es nicht fern, sich den Soundtrack zu „Judgement Day“ anzuhören. Zwar befindet sich diese Form des Crossover noch im Dornröschenschlaf, aber es wird Zeit ihn wieder wach zu küssen. Die fünf Münchener Herrschaften sorgten bereits kurz nach ihrer Gründung mit einer EP- Trilogie für Aufsehen und ernteten durch die Bank positives Feedback. Passend dazu die Kampagne „Ohne Anfang Ohne Ende“ in der sie sich gemeinsam gegen Ignoranz, Verblendung,Dummheit, Hass, Intoleranz und Diskriminierung engagierten. Nun erscheint mit „Stein und Eisen“ das langersehnte Debütalbum. Wir sprachen mit Frontmann David Mayonga und Gitarrist und Chris Zehetleitner.

Das Album beginnt mit dem Song „Stein“ und endet mit „Eisen“. Kann man davon ausgehen, dass es sich hier um ein Konzeptalbum oder ist es organisch gewachsen?

Chris: Es ist ein organisch gewachsenes Konzeptalbum.

David: Ein organisches Konzept.

Chris: Keine Wortspiele mehr! Wir hatten jetzt keine Prämisse ein Konzeptalbum zu schreiben. Als wir uns aber die Songauswahl betrachteten, haben sich schon einige Themenschwerpunkte herauskristallisiert. Da passte es, dass wir die beiden Songs als Opener und Abschluss fixierten. Es ist wie eine Klammer, die alles umschließt und das Ganze perfekt abrundet.

Welche Themenschwerpunkte sind es?

Chris: Stein und Eisen stehen für Wut und Furcht. Dadurch entsteht mit unserem Bandnamen ein dreieckiges Spannungsfeld. In diesem Spannungsfeld wird man immer wieder aufs Neue herausgefordert und muss sich stets neu positionieren, um sich zu behaupten. Es sind alltägliche Herausforderung, die wir meistern müssen und mit den wir immer konfrontiert werden.

David: Wut und Furcht stehen auch eng zusammen. Beides sind Gefühle von Kontrollverlust. Wenn du zu viel Furcht hast, kannst du dich nicht mehr so bewegen, wie du es gern möchtest. Das geht nicht. Panik würde entstehen. Bei Wut ist es genauso. Wenn du – wortwörtlich – in blinder Wut agierst, verlierst du auch die Kontrolle über dein Handeln. Es ist in der Psychologie so: Wenn du Wut zu lange unterdrückst wird daraus eine diffuse Angst. Somit ist Wut und Furcht aus demselben Kosmos, obwohl beide Gegenseitig wirken. Das passt unfassbar gut in unsere Erlebniswelt hinein, weil wir damit immer struggeln. Und man darf sich von diesen Emotionen nicht vereinnahmen lassen.

David, du hast über den Song „Stein“ gesagt, dass es der beste Text ist, den du bist jetzt geschrieben hast. Als Single Veröffentlichung ist der Song aber nicht erste Wahl gewesen. Warum?

David: Es ist halt der Opener.

Chris: Musikalisch ist „Stein“ nicht der typische GWLT Song, der uns direkt beschreiben würde. Wenn es darum gehen würde, welchen Song „Stein und Eisen“ textlich am besten beschreibt, dann wäre „Stein“ definitiv erste Wahl gewesen.

David: Ich habe es zum ersten Mal geschafft ein Gefühl und eine komplexe Geschichte in Worte zu packen, ohne in irgendwelche Nebensätze irgendwas einbauen zu müssen, damit es am Ende gut klingt. Es ist ein einfaches strip down und jedes Wort und jeder Satz ist wichtig. Ich könnte nichts – nein, ich würde hier nichts – weglassen wollen. Bei vielen Texten ist es oftmals ja so, dass man im Nachhinein noch gerne einige Änderungen eingebaut hätte. „Stein“ ist perfekt.

Ihr habt Ende 2013 mit einer EPTrilogie angefangen. War es für euch von Anfang an klar, dass ihr erst die Trilogie herausbringt und dann erst ein Album?

Chris: Ich weiß es nicht mehr ganz genau. Als wir die erste EP „Ohne Anfang Ohne Ende“ veröffentlichten, hatten wir schon viele weitere Songs fertig gehabt. Uns war damals jedoch klar, dass wir uns musikalisch in verschiedenen Bereichen bewegen werden. Nicht nur in dieser Trilogie, sondern darüber hinaus. Uns war es total wichtig einen Weg zu finden, um das auszutesten. Die EPs waren hatten drei Schwerpunkte, die wir erforscht haben. Die erste EP war Hardcore-lastig, die zweite war mehr Metal mit deutlichen Rap-Grooves und die dritte war halt klassisches Rock-Songwriting. Das war für uns sehr wichtig, um in diese Songwriting-Phase für das Album einzusteigen. Die Trilogie sind die drei Grundpfeiler unseres musikalischen Schaffens. Zwar sind in der Songwriting-Phase zu „Stein und Eisen“ noch weitere Einflüsse dazugekommen. Diese drei Anker, hatten wir aber für uns schon gesetzt gehabt.

Einer eurer Songs heißt „Hanna Arendt“. Sie hat in den 60er Jahren für The New Yorker über den Eichmann Prozess berichtet.

David: Und weltweit jede Menge Schelte dafür bekommen.

Warum habt ihr über sie den Song geschrieben?

David: Es ist kein Song über sie, sondern ein Song für sie. Ein Song für Menschen, die so sind wie es Hanna Arendt war. Schon im Studium hat mich diese Frau begeistert, als ich ihre Aufzeichnungen über den Eichmann Prozess gelesen habe. Diese Art und Weise, wie sich diese Frau traute – auch wenn es jetzt blöd klingt – genau das zu sagen, was sie denkt. Sie trennte Emotionalität von Fakten, sie dachte in völlig anderen Bahnen. Sie konnte sich als Jüdin den Eichmann Prozess emotionslos anschauen und sprach Dinge aus, über die es schwer war drüber zu sprechen. Sie hatte Mut und bewies Zivilcourgage. Dafür wurde sie auch scharf kritisiert. Ließ sich aber nicht beirren. Wir hätten den Song auch Malcom X nennen können, weil auch er Dinge angesprochen hat, die enorm wichtig waren. Aber wenn wir als „Männer-Band“ eine Frau als Vorbild haben, verdeutlicht dies noch eindrucksvoller unseren Respekt gegenüber dieser Person. Ich hoffe, dass sich mehr Leute mit Hannah Arendt befassen und ihre Veröffentlichungen lesen.

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Das Rockhard hat bei euch Dicke-Hose- und Macker-Attitüde festgestellt. Kann man sich schwer vorstellen, dass das auf euch zutrifft!

Chris: Dickehose und Macker Attitüde?

David: *lach* Ich glaub, das ist so ein Rap-Vorurteil! Sobald irgendwas mit Macht um die Ecke kommt, ist es gleich Dickehose. Aber wir machen ja nicht auf Dickehose!

Chris: Nee?

David: Wir sind die Dickehose! *lacht*

Seid ihr eine provozierende Band?

Chris: Das ist was anderes. Wir ecken hier und da gerne mal an.

David, du bist vor allem auch als Rap-Musiker „Roger Reckless“ bekannt. Ist es eine bewusste Entscheidung, dass du bei GWLT unter deinem echten Namen auftriffst?

David: Ja! Als Roger Reckless, bin ich halt Roger Reckless. Und bei GWLT bin ich einer von fünf Leuten. Es wäre jetzt auch blöd und auch nicht wichtig für mich als Roger Reckless hier aufgeführt zu werden.

Chris, die drei EPs hast du über dein eigenes Label Let It Burn veröffentlicht. „Stein und Eisen“ erscheint aber auf dem neuen Label Arising Empire. Warum dieser Schritt?

Chris: Bei den EPs war es uns verdammt wichtig, dass alles sehr nah an der Band war. Es war ja auch nicht so, dass ich die EPs im Alleingang veröffentlicht habe. Wir haben halt meine „Infrastruktur“ genutzt. Für das Album haben wir verschiedene Szenarien durchgespielt und hatten auch schon ein Model, was uns sehr gefallen hat. Relativ spät kam Tobbe Falarz von Arising Empire auf uns zu. Tobbe war langjähriger Mitarbeiter von People Like You und hatte zusammen mit Markus Staiger von Nuclear Blast dieses neue Label gegründet. Wir haben uns dann verbindlich getroffen und schnell gemerkt, dass wir ziemlich ähnlich ticken und er hat auch verstanden, was wir mit der Band vorhaben. Wir hatten ein gutes Gefühl, dass Arising Empire ein Partner ist, der jetzt nicht das typische Standardprogramm eines Labels abspielt sondern, dass sich in die Band reindenkt und seine Handlungen darauf anpasst.

Info: www.facebook.com/GWLTofficial