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TIM KASHER: Adult Film

(Saddle Creek/Cargo) Zunächst einmal das Wichtigste: auch „Adult Film“ zeigt, dass Tim Kasher kein schlechtes Album machen kann. Sein zweites Soloalbum führt Traditionen fort, ist abwechslungsreich und kündet an so mancher Stelle vom Genius dieses nun in Chicago ansässigen Mannes. Aber leider ist es auch wie so oft in den letzten Jahren, wenn man ein neues Werk des Frontmannes von Cursive und The Good Life vorgesetzt bekommt, man ist doch leicht endtäuscht. Und daran ist Kasher selber schuld, hätte er in den frühen Nullerjahren des neuen Jahrtausends nicht zwei Meilensteine der Indiemusik zuwege gebracht, würde man jetzt auch nicht klammheimlich Wunderdinge erwarten. „The Ugly Organ“ mit Cursive und „Album Of The Year“ mit The Good Life haben auf ihre jeweilige Art und Weise berührt, wie kaum ein anderes Werk aus dieser Zeit. Sei es der latent psychotische Indierock mit Cursive gewesen oder das regelmäßige Verzweifeln an dieser beschissenen Liebe mit The Good Life, Kasher hat auf diesen Alben Türen aufgestoßen und mit jedem einzelnen Ton genau ins Herz getroffen. Und eben diese Intensität vermisst man auf den neueren Releases von Kasher. „Adult Film“ erinnert dabei durchaus an seine beiden Stammbands, es gibt aufgekratzten, psychisch arg labilen Jahrmarktsrock, der melodische Löcher in die Manege reißt ( siehe Cursive) und es gibt die ruhigen, wehmütigen, zu tiefst konzentrierten Nummern( The Good Life). Und es sind dann auch eher letztere, die so richtig zu begeistern wissen. Da steht „Where´s Your Heart Lie“ in vorderster Front und es verwundert nicht, dass ausgerechnet dieser Song so wunderbar brilliert, handelt es sich doch mal wieder um Kashers ureigenen Themenkreis: Beziehungen und wie man sie in den Sand setzt. Aber lassen wir den Meister selbst zu Wort kommen: „What´s your heart think?/ think about you and me?/ does it blame you for saddling?/ when I was good/ you wanted loving every morning/ now you hardly give a fuck/ god damn/ what´s wrong with me?/ I´m ruining your love”. Im genialen Zusammenspiel von Kashers Stimme und dem Gastgesang von Laura Stevenson entsteht so ein maximal bedrückendes Manifest des Scheiterns, der Song schleppt sich verwundet dahin, alles ist trist und grau und die Protagonisten merklich verwundet. So eine emotionale Fallhöhe erreichen die rockigen Nummern dagegen nicht. Klar, „American Lit“ setzt voll auf die Sarkasmusschiene und fährt damit ganz gut, dazu hyperventilieren die Orgeln und es geht drunter und drüber, mehr als eine gelungene, chaotische Fingerübung ist der Song indes nicht. Und auch „Truly Freaking Out“ betreibt hohen Aufwand, will am liebsten überall gleichzeitig sein und landet damit bei einem schizophrenen Kirmesrave, der zwar gut unterhält aber auch emotional ein wenig unterernährt wirkt. Ganz anders „Lay Down Your Weapons“. Hier tragen die Synthies dunkle Tarnfarben und fügen sich in eine Atmosphäre ein, die beunruhigend finster wirkt. Es sind dabei die musikalischen Details, die diesen Song zu einem düsteren Erlebnis machen, so hat die Wurlitzer merklich ein schweres Kreuz durch den Song zu tragen und die Flöten scheinen unter den Schattenseiten begraben zu werden. Das Ergebnis ist ein Song, der zutiefst verunsichert wirkt, nichts scheint stabil. In „You Scare Me To Death“ gibt es dann die treffende Sentenz des Albums und vielleicht auch die einer ganzen Karriere, „the more I try to love someone/ the more the horror grows“. In besagtem Stück herrscht eine geisterhafte Verwischung der Linien, so legt sich über Kashers Gesang sein eigenes Flüstern, richtig spooky. Generell handelt es sich hier um einen recht einfachen Song, nur ist es atmosphärisch exquisit ausgearbeitet, die besänftigende Wehmut des Akkordeons ist da nur ein Aha-Erlebnis unter vielen. Tim Kasher hat also wieder mal ein Album gemacht, das überwiegend positiv auffällt, es gibt wieder den ein oder anderen Song, der einen weiteren Glanzpunkt in Kashers Karrierekrone setzt und dennoch weiß man, dass es Kasher noch besser kann oder zumindest mal konnte. Und das schmälert ein wenig den Genuss dieses Albums, das für sich gesehen aber eine mehr als ordentliche Leistung darstellt.

Info: www.timkasher.com

(Martin Makolies)