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DEAR READER: Day Fever

(City Slang/ Universal) Schön sind die Alben, die nicht gleich zu Beginn ihren ganzen Zauber ausbreiten, sondern nach und nach die innewohnenden Feinheiten offenbaren. Cherilyn MacNeil hat mit ihrem Projekt Dear Reader eine solche Platte hinbekommen. Beim ersten Hören denkt man noch, dass es sich um recht eingängigen Dreampop mit einer großen Portion Folk handelt. Doch bald fällt auf, dass diese Songs aus vielen kleinen Details bestehen, die kompositorische Ausarbeitung gewissenhaft und aufwendig betrieben wurde.

Man ist zunächst ein wenig befremdet, wenn man beim Erstkontakt zum Beispiel hier und da auf mehrstimmige Hippiechöre trifft, doch nach und nach erscheinen diese als wichtiger Bestandteil des Ganzen. Ebenso weht ein gewisser Mystizismus durch die Songs, den man zunächst etwas irritiert als musikalischen Nippes abtut. Doch auch dieses Merkmal trägt letztendlich zum gelungenen Gesamteindruck bei, weil die einzelnen Zutaten ziemlich ausgewogen und passend eingesetzt werden. Dazu kommt eine instrumentale Vielfalt, die von Flöten, Keyboards und anderen Tasteninstrumenten gefüttert wird und die zu einer Vielschichtigkeit führt, die anderen Songwriterinnen verwehrt bleibt.

Ganz raffiniert werden auch die (Computer-)Drums eingesetzt: sie sorgen dafür, dass in einem einzelnen Song ganz verschiedene Stimmungen und Temperamente ausgelebt werden können. So ist der Auftakt „Oh, The Sky!“ zunächst eine mystifizierte Schwebeübung mit nach innen gewandten Gesang, der eine unbeeindruckte Ruhe ausstrahlt. Doch mit dem Einsetzen eines kräftigen Beats wird dieses Stück konkreter, handfester und auch ein gutes Stück poppiger. „Mean Well“ dagegen besitzt eine tief dunkel schimmernde Orgel, die das Stück zunächst etwas unbeteiligt erscheinen lässt, doch MacNeil hat einen einfachen, eingängigen Refrain im petto, der in Kombination mit den einsetzenden Drums für eine lockere Verbindlichkeit sorgt. Generell sind die Melodien auf diesem Album nicht besonders kompliziert, doch haben sie die Stärke, wahrhaftig zu wirken, dazu hinterlassen sie irgendwie den Eindruck, nicht leichtfertig erschaffen worden zu sein.

Das gerade der bezauberndste, eingängigste Song „Nothing Melodious“ heißt, ist ein gelungener Scherz, wichtiger ist jedoch, dass die Komponenten von diesem Stück nahtlos ineinander greifen, genannt sei da nur der engagierte Damenchor, der ein fast schon religiöses Ritual zu untermalen scheint. Genau solche kleinen Kniffe heben „Day Fever“ über den Durchschnitt, die Platte ist ausgewogen und klar, besteht aber aus unzähligen kleinen Mosaiksteinen, die zu einem stimmigen Bild zusammen gesetzt sind. Gerade die Refrains und Gesangslinien sind vertraut und eingängig aber dennoch nicht handelsüblich. „Day Fever“ beinhaltet einen reichen Fundus an Instrumenten und Melodien, die dem Hörer mit der Zeit offenbart werden und dazu führen, dass diese Stücke ein vertauter Freund werden können, sonderbar leicht aber doch ziemlich gewissenhaft.

 

7.0 Stars (7,0 / 10)

 

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