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DIRTY PROJECTORS: Dirty Projectors

( Domino/ Good To Go) Das Jahr 2017 hat jetzt gut zwei Monate auf dem Buckel und wir können schon mit Freude verlauten, dass es dieses Jahr den seltenen Fall eines durch und durch perfekten Albums gibt. Dafür verantwortlich zeichnen die Dirty Projectors aus Brooklyn. Ein Trennungsalbum ist es geworden. Amber Coffman hat sowohl die Band als auch deren Hauptverantwortlichen Dave Longstreth verlassen. Dieser Einschlag war wahrscheinlich so heftig, dass er dazu geführt hat, dass sich der Bandsound tiefgreifend geändert hat. Jetzt setzt es souligen R´n´B, der mit allerlei Studiofrickelei untermalt wird. Das Wunder dabei: hier wirkt nichts übermäßig stilisiert, sondern kommt aus tiefsten Herzen, jeder Moment dieses Albums berührt oder verblüfft, manchmal aufgrund der demonstrierten Kunstfertigkeit, meistens jedoch einfach, weil die dargebotene Musik emotional Berge zum Einsturz bringt.

Der Opener „Keep Your Name“ ist düsterer, wehmütiger Soul mit Samtstimme, es wird direkt zu Beginn Bilanz gezogen, Longstreth ist getroffen, bis ins Mark verwundet, doch er findet noch Kraft und Würde, diesen Schmerz in eine wundervolle Melodie zu packen. Dieses Stück vermittelt eine Einsamkeit, die nicht so einfach weg zu wischen ist, gönnt sich aber dennoch einen pfiffigen Hip Hop-Part im Mittelteil, der aufzeigt, was die Projectors wollen: zauberhafte Melodien mit Club affiner Coolness paaren. Das folgende „Death Spiral“ ist ein satt groovender, mit Falsett veredelter Dance-Track, der sich jedoch nicht der Simplizität hingibt, sondern zahllose Schichten aus Gesang und Sound übereinander schichtet, bis man einen wohligen Schwindel verspürt.

„Up In Hudson“ mit seinen Bläsern und der karibischen Rhythmik ist dann derart gefühlsbetont, dass man nur noch zerfließen will, das Stück ist so samtig und weich, so zart, dass man sich damit bekleiden mag. Versteht sich dann auch von selbst, dass der Refrain wieder mal eine absolute Gefühlsbombe ist. Bereits hier zeigt sich die große Stärke des Albums: es ist eben nicht nur auf emotionaler Ebene unheimlich deep, es ist obendrein noch aus technischer Sicht wahnsinnig raffiniert. Dies zeigt sich auch bei „Work Together“ mit seinem aberwitzigen Stolperbeat, den sich verschlungen abspulenden Gesangslinien und den völlig außerirdischen Sounds. In diesem Stück müsste man eigentlich sofort die Orientierung verlieren, doch intuitiv folgt man der verdrehten Struktur, da selbst die ausgefallensten Spielereien und Wendungen organisch wirken.

So geht es mit diesem Album dann auch weiter, in Stücken wie „Little Bubble“, „Winner Take Nothing“ oder „Ascent Through Clouds“ trifft melodische Klarheit und schlicht Schönheit auf unheimlich clevere Arangements, manches ist soweit draußen, dass es eigentlich schon nicht mehr nachvollziehbar sein müsste, es funktioniert aber dennoch, weil die Stücke immer wieder mit einnehmenden Melodien auf die Erde zurück geholt werden, eine perfekte Symbiose aus Kunst und Herz. Mit „Cool Your Heart“ gibt es dann sogar noch reichlich Sonnenschein und Lebensfreude. Die fantastische Dawn Richard gibt einen derart liebevollen, positiven Refrain zum Besten, dass man nur noch jedermann umarmen und abknutschen will. Diese direkte Popnummer ist zwar gleichzeitig eine Art Antithese zu den übrigen Stücken, fußt aber in der selben gefühlsmäßigen Aufrichtigkeit wie das ganze Album. „Dirty Projectors“ vermittelt trotz der in ihm wohnenden Traurigkeit eine mentale Unversehrtheit, eine Zutraulichkeit, die von den ausgefuchsten kompositorischen Kniffen nicht etwas abgeschwächt wird, sondern irrsinnigerweise noch verstärkt wird. Diese Platte ist verrückt, ganz weit draußen und verspielt, trägt ihr Herz aber stolz vorneweg. Diesen Langspieler muss man lieben, es bleibt einem keine Wahl, es sei denn, man lehnt gernerell das Gute im Menschen ab.

 

(10 / 10)

 

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