News

FATHER JOHN MISTY: Pure Comedy

(Bella Union/ [PIAS] Cooperative/ Rough Trade) Das hätte auch gewaltig schiegehen können…Josh Tillmans Kunstfigur Father John Misty inszeniert mit „Pure Comedy“ den großen Wurf, mit viel Anlauf und reichlich Hintergrundgeräuschen. Eine Abhandlung über die Zivilisation und ihre Geschichte ist dieses Album geworden, eingewoben in 74 Minuten Musik, die den Hörer nicht im Sturm nehmen wird, sondern sich ganz langsam in seine DNA hineinfrisst, bis sie ein unverzichtbarer Teil der eigenen Identität geworden ist.

Denn „Pure Comedy“ hat das, was Alben wie „Blonde On Blonde“ ausgezeichnet hat. Universelle Themen, messerscharf in Wörtern festgehalten, in Kombination mit zeitloser, allgemeingültiger Musik. Father John Misty legt ein beschauliches, ja auch überschaubares musikalisches Setting an. Die Instrumentierung beschränkt sich auf Klavier, Gitarre, Streicher und Bläser. Und auch die Melodien rufen nicht „hallo, hier bin ich“. Sie schmiegen sich an, wachsen bei mehrmaligem Hören zu einer vertrauten Liebschaft heran, verfolgen den Hörer, lassen ihn nicht mehr los. So ist der Folk Rock von „Total Entertainment Forever“ zunächst nicht wirklich spektakulär, das leise Aufbäumen in Form eines beseelten Refrains ist, je öfter man es hört,jedoch einfach nur brillant, gerade weil es nicht aufwendig sondern natürlich erscheint. Die durch bedrohliche Bläser sacht angedeutete Apokalypse in „Things It Would Be Helpful To Know Before The Revolution“ setzt dann einen ganz anderen, düsteren Akzent, der trefflich mit der textlichen Misanthropie korrespondiert.

So allumfassend wie im eröffnenden „Pure Comedy“ hat sich selten jemand über die von Eitelkeit und Fundamentalismus geprägte Menschheitsgeschichte ausgelassen, verpackt in eine vom Klavier getragene Revuenummer, die Elton John in den frühen Siebzigern auch nicht besser hinbekommen hätte, vom Text ganz zu schweigen. Schwerpunkte in Tillmans Kosmos sind die Religionen auf der einen, die mediale Gesellschaft auf der anderen Seite. Über die Gralshüter der Glaubensrichtungen heißt es: „and they get terribly upset, when you question their sacred text/ written by women-hating epileptics“ Die Gleichschaltung der Medien ist sicherlich nicht erst seit den Scharmützeln bei unseren türkischen Freunden Gesprächsthema, Father John Misty zeichnet dazu folgendes Zukunftsbild: „in the new age we´ll all be entertained/rich or poor/ the channels are all the same“, Halleluja.

Das umfänglichste Stück des Albums findet seinen Ansatz dann jedoch im eher persönlichen Umfeld. „Leaving LA“ reflektiert die Rolle des zeitgenössischen Musikers, insbesondere unter dem Brennglas der Presse, flüstert aber immer wieder autobiographische Schnipsel in den Kontext hinein und wird dadurch zum vielleicht nahbarsten Stück der Platte. Witzig übrigens, dass sich der Song satte 13 Minuten Zeit nimmt um dann trotzdem mitten im Satz abzubrechen. „Leaving LA“ ist darüber hinaus auch bezeichnend und repräsentativ für die musiklaischen Qualitäten von „Pure Comedy“ Der Song bietet nur das Nötigste an Instrumentarium auf, Gitarre, Geige, Gesang. Und dennoch schafft es Josh Tillman, den Höhrer über die ganze Strecke des Songs zu fesseln, weil die Kompostition eine eindringliche Natürlichkeit besitzt, die einem ins Blut übergeht. Father John Misty ist sicherlich kein Optimist, die Erde ist ein „godless rock, that refuses to die“. Und wenn Misty im Auftaktstück singt, „I hate to say it/ but each other is all we got“, so ist das ein echtes Dilemma, aus dem es kein Entkommen gibt. Dass solche Bestandsaufnahmen von Zynismus, einem gewissen Maß an überlegener Arroganz und Ironie geprägt sind, liegt auf der Hand. Dass dabei jedoch Stücke von menschlicher Größe und großem emotionalen Engagement entstehen, ist nicht so selbstverständlich. Father John Misty ist 2017 auf der absoluten Höhe seiner Kunst, „Pure Comedy“ sein Meisterwerk.

8.5 Stars (8,5 / 10)

Info: www.fatherjohnmisty.com