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MARK LANEGAN BAND: Gargoyle

(Heavenly/[PIAS] Cooperative/ Rough Trade) Mark Lanegan ist ein musikalisches Zwitterwesen. In sein Werk fließen die verschiedensten Wurzeln und Duftmarken ein. Stimmlich in der Nähe von Tom Waits, bietet sein kompositorisches Spektrum Bezugspunkte von My Bloody Valentine bis hin zu Nine Inch Nails, gerne auch im Kontext eines brüchigen Americana, der Risse, Kerben und Aufschürfungen aufweist. Mit seiner Band hat Lanegan jetzt ein Album fertiggestellt, welches sehr typisch für den Mann aus Seattle ist.

Bereits das eröffnende „Death´s Head Tattoo“ weist die typischen Merkmale eines Lanegan-Songs auf. Unter diffusem Licht rekelt sich Lanegan mit seiner knorrigen Stimme durch ein dezent schrottiges Tableau, im Hintergrund jaulen die Gitarren, ein Industrial-Rhythmus kühlt das frostige Setting noch um einige Grad runter und alles ist Staub und Rauch. Es ist nicht die Sache Lanegans, besondere Kabinettstücke in den melodischen oder rhythmischen Aufbau einzuflechten, seine Musik ist geradlinig und kompakt, weist jedoch atmosphärische Abstufungen auf. „Nocturne“ hat seinen Titel nicht von ungefähr, der fahle Mond steht hoch oben über diesem Song, der allmählich an Intensität zulegt. Hauptmerkmal ist ein genüsslich aufgebauter Refrain, der auf einfache Weise die Qualen einer Liebe mit gewaltigen Hindernissen aufzeigt. Im Hintergrund sägen dazu hochsensible Gitarrenläufe, die das unwirtliche Gefühl der nächtlichen Einsamkeit potenzieren.

Das Quasi-Titelstück „Blue Blue Sea“ braucht nicht viel mehr als eine emphatische Orgel und ein wenig Synthieflitterwerk, um den sakral anmutenden Gesang den richtigen, weil unpathetischen Kontext zu geben. Das folgende „Beehive“ ist dann mit seinem Willen zu einfacher Struktur aber liebevoll ausgearbeiteter Stimmung exemplarisch für „Gargoyle“, in diesem Falle erschafft Mark Lanegan nicht mehr als einen flüssigen, erneut vom Industrial-Gestus bestimmten Rock-Song.

Zugegebenermaßen kann man die fehlenden Extravaganzen oder Überraschungen durchaus bemängeln, Lanegan hat seinen Sound gefunden und schreibt ihn auf diesem Album fest, da bleibt kein Raum für Experimente. „Sister“ mit seinem zähen Fluss und den nachtschattigen Bläserminiaturen passt dann vielleicht schon zu gut ins künstlerische Gesamtbild Mark Lanegans, wie eigentlich alles auf „Gargoyle“. Auch den schmissigen Twang von „Emperor“ kann man ohne Einpassungsprobleme in die Vita des 52 Jährigen stecken. Doch an vielen Stellen vermag Lanegan mit seinen erprobten Formeln gewaltig zu berühren. „Goodbye To Beauty“ ist völlig ausgebrannt und versucht mit Unterstützung von Klavier und Akustikgitarre, noch das übriggebliebene Sentiment in eine stabile Ballade zu verwandeln, es gelingt vorzüglich. Und auch beim schwebenden „First Day Of Winter“ stimmt so ziemlich alles, Lanegans Stimme steht auf einem schneebedeckten Feld, die am Rande stehenden Bäume sind kahl und die Einsamkeit ist allumfassend.

Vielleicht kann man kritisieren, dass dieser Musiker ein bisschen zu fest in seinem stilistischen Sattel sitzt, doch was er damit anstellt, hat meistens Hand und Fuß und vor allem ein großes Herz. Mag sein, dass man von Mark Lanegan nicht mehr wirklich überrascht wird, doch vertraute Schönheit hat ja auch ihren Reiz.

6.5 Stars (6,5 / 10)

Info: www.marklanegan.com