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DANIEL ROMANO: Modern Pressure

( New West/ You´ve Changed/ [PIAS] Cooperative/ Rough Trade) Es gibt, neben einigen anderen, vor allem zwei Gründe, Musik zu bewundern. Da wäre zum einen das Goutieren von kompositorischer Cleverness. Wenn Melodien, Instrumente und Rhythmus besonders gewitzt eingesetzt und kombiniert werden, ist dem Musiker eine gehobene Anerkennung sicher. Des Weiteren gibt es aber auch den emotionalen Faktor. Dieser lässt sich deutlich schwerer erklären. Manchmal wird man von der Musik bis ins Mark getroffen, mitgenommen und man fühlt sich gefühlsmäßig in den entsprechenden Songs gut aufgehoben.

Wie magisch kann dann Musik sein, die sowohl auf dem einen als auch auf dem anderen Weg die Menschen berührt. Diesen Zauber verbreitet „Modern Pressure“, das siebte Album des Kanadiers Daniel Romano. Und dies ist bei der musikalischen Grundausrichtung Romanos gar nicht mal zu erwarten gewesen, denn „Modern Pressure“ fußt im Folk Rock, dessen ausgeprägtes Traditionsbewusstsein doch eher häufig zu einem gewissen Dogmatismus in der kompositorischen Strategie führt.

Nicht jedoch bei Romano: zum einen sind die 12 Songs auf diesem Album mit heißem Herzen entstanden, sind vital und zuversichtlich, reißen den Hörer mit oder umschmeicheln ihn liebevoll. Doch dazu kommen immer wieder unvorhergesehene Wendungen und Zustandswechsel, die die Stücke auf engem Raum derart abwechslungsreich gestalten, dass man manchmal einfach nur staunen kann. Der Titelsong ist da ein gutes Beispiel. Das Setting ist wohlbekannt, ein staubiger, verlassener Hinterhof irgendwo in der Provinz. Das hindert Romano jedoch nicht daran, mit Streicherunterstützung und Bläserfuror eine majestätische Wunderkerze nach der anderen zu zünden. Auch „Pride Of Queens“ gibt sich nicht mit einer Stimmungslage zufrieden. Die süffige Orgel taucht das Stück zunächst in tiefrotes Schummerlicht, man lebt sich schnell in diese gemütliche Dämmerlandschaft ein, lehnt sich zurück, greift nach seiner Barcadi Cola und genießt die lazy vibes, doch dann platzt unerwartet schnoddrige Rockbrachialität aus der Garage hinein und das Stück befindet sich auf einmal ganz woanders als noch kurz zuvor.

Ein Kernbestandteil des Albums sind „Ugly Human Heart“, Teil eins und zwei. Jeweils gerade mal zwei Minuten lang, tragen sie derart viel ungekünstelte Vitalität und Lebenswillen in sich, dass man spätestens nach dem zweiten Durchlauf innerlich( oder auch lauthals) völlig überwältigt mit einstimmt. Dies sind Songs, die einen Nerv treffen, die den Unterschied zwischen nett und essentiell machen. „Ugly Human Heart“ muntert auf, ist eine Lebensversicherung gegen Gleichgültigkeit und menschliche Kälte und sollte die Nationalhymne einer lebensfrohen Menschheit werden.

Einige Stücke auf „Modern Pressure“ sind deutlich konventioneller, stehen zuerst ein wenig im Hintergrund, doch nach und nach erfahren sie ihre wohlverdiente Beachtung. „Roya“ labt sich an wehmütigem Gitarrenspiel, lässt den Blick weit schweifen und wird vom Duft des Oleanders umgarnt. „When I Learned Your Name“ ist eine stimmungsvolle Liebesschunkelei, mit Augenzwinkern und einer Aufforderung zum Tanzen vorgetragen, „you were only a girl/ but i waited until/ Maggie you grew into you“. Ein wenig zeitgenössischer kommt „Sucking The Old World Dry“ daher, gönnt sich in der Strophe einen zeitgemäßen Indie Rock-Anstrich, ist aber insgesamt auch eher Landpartie als urbaner Club.

Richtig lässig und zurückgelehnt wird es mit „Dancing With The Lady In The Moon“, das Herz schunkelt sich bis zur totalen Sorglosigkeit, man sieht schemenhaft Gestalten vorbeiziehen, doch eigentlich braucht man gerade jetzt nichts anderes mehr als dieses eine Liedchen. Etwas ambitionierter gibt sich „I Tried To Hold The World(In My Mouth)“, westliche Psychedelik trifft auf indische Klangcoloeur, eine Zutat, die übrigens immer wieder Einlass findet in die kuriosen Interludes dieses Albums.

Und so kann man das Glück kaum begreifen, mit diesem Album beschenkt zu werden. Da sind die liebgewonnenen Manierismen des Folk Rock, doch werden diese durch einen unheimlich aufgeschlossenen Entdeckergeist infiltriert, der zusätzlich zu den emotionalen Erweckungserlebnissen für Varianz und ein intellektuelles Vergnügen bei der Dechiffrierung der einzelnen Bestandteile sorgt. „Modern Pressure“ ist deswegen vollkommen, weil es keinen Wert auf Makellosigkeit legt. Hier hatte jemand ein übervolles Herz und das musste raus. Die Art, wie dieser Überschwang an Gefühlen seinen Weg zur fertigen Musik gefunden hat, ist dabei das eigentliche Wunder. One in a million.

9.0 Stars (9,0 / 10)

Info: www.danielromanomusic.com