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KALA BRISELLA: Endlich Krank

( Späti Palace) Gut abgehangener Post-Punk ist gerade ein heißes Eisen in der deutschen Independent-Landschaft. Bands wie Die Nerven, Messer oder Karies haben mit ihrem kantigen Schaffen so manche Wunde aufgerissen, so manche glatte Oberfläche zerdellt. Ein besonders potenter Vertreter dieser Gattung ist die Band Kala Brisella aus Berlin. Potent ist da auch der treffende Begriff, dieses Dreiergespann legt großen Wert auf eine hohe Schlagzahl, ihre Stücke sind wuchtig und zelebrieren eine noisige Dissonanz. Besonders die Gitarren sind krachig in den Vordergrund gemischt und richten ganz schön viel Chaos an. Sänger Jochen Haker schafft teilweise das Kunststück, gleichzeitig angeödet und hysterisch zu klingen. Mit solch einer Attitüde kann man ganz schnell zum Coverboy einer ganzen Szene werden. Die nötigen Gassenhauer haben Kala Brisella schließlich auch dabei. Besonders die vorderen Reihen des Albums sorgen für Zünd- und Gesprächsstoff. So schaffen es die Berliner, über den Einkauf einer elektrischen Zahnbürste zu dem Schluss zu kommen, dass es meistens besser ist, einfach mal die Fresse zu halten. Dabei gehen dann auch einige Verstärker und Effektgeräte zu Bruch, kann ja mal passieren.

„Flächen“ baut dann eine bedrohliche Wucht auf, der hedonistische Gesang suhlt sich im eignenen Leid und hat auch noch Spaß dabei. Besonders Eindruck macht die depressive Gitarrenarbeit, die dennoch mit enormer Kraft einiges hinter sich einreißt. Was die gesangliche Betonung anbelangt, gibt Haker im Titelsong den Vorturner einer sozialistischen Gymnastikstunde, und eins, und zwei, hoch und runter. Dass dabei ein virulenter Mitmachpostpunk entsteht, der ungehindert Groß und Klein zur nihilistischen Körperertüchtigung animieren kann, sollte unsere Jugendschützer alarmieren. Es ist beeindruckend, mit viel Kraft und Spucke Kala Brisella zu Werke gehen, die Musiker schonen sich nicht, gehen dahin, wo man sich die Verletzungen herholt. Dass sie dieses Tempo und diese Intensität nicht über die volle Strecke durchhalten, ist ein wenig bedauerlich aber auch verständlich. „In Meinem Innern“ bekommt das Runterschalten in ein gemäßigtes Tempo noch sehr gut, das Stück wirkt auf kaputte Art fesselnd, doch vieles, was noch folgt, gibt sich zu leicht der Beliebigkeit hin. „Im Quartier“ demonstriert zwar, wie genüsslich man seine Instrumente quälen kann, doch mangelt es gerade den Passagen im mittleren Tempo an Inspiration. Auch das krachige „Planet“ gibt zwar mächtig Gas, findet aber keinen genuinen Ausdruck, Alibi-Punk, der bis auf den brachialen Mittelpart nicht wirklich etwas zu bieten hat.

Ein Lichtblick ist das Stakkato-Geballer „Immer Neu, Immer Fresh“, ein kleines Manifest für Toilettenwände und Vorlesungssaalpulte. Enervierend und aufgekratzt, so soll es sein. Doch die anderen Songs der zweiten Albumhälfte gefallen sich zu sehr darin, Post-Punk-Trivialitäten wiederzugeben, „Der Schlaf Auf Meinen Augen“ oder „Alles Zerreisst“ knallen zwar nach wie vor ordentlich, der Aufbau dieser Songs ist aber zu vorhersehbar. Schade, dass Kala Brisella nicht genug zündende Ideen für ein ganzes Album gehabt haben, so dass „Endlich Krank“ ein zweischneidiges Vergnügen ist, erst kommt der fiebrige Rausch, dann das weiße Flimmern, Katerstimmung.

5.5 Stars (5,5 / 10)

Info: www.kalabrisella.tumblr.com