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LORDE: Melodrama

(Universal) Als 2013 „Pure Heroine“ von Lorde erschien, war das ein Versprechen auf eine große Zukunft von einer 16 Jährigen, die dem, was man von einem Teen in diesem Alter erwarten würde, weit voraus war. Lorde besaß bereits damals eine Noblesse und eine Abgeklärtheit, die ihrer durchaus anspruchsvollen Pop-Musik einen fast schon aristokratischen Glanz verlieh. Vier Jahre später sind die Erwartungen verständlicherweise groß, die Dame ist inzwischen 20 und noch mehr gereift, man ist gespannt, ob sich der Genie-Verdacht weiter erhärtet.

Und Lorde macht alles richtig, indem sie eben nicht die alles übertrumpfende Bilderstürmerin gibt, sondern ein geschmackvolles, größtenteils zurückgelehntes Album präsentiert, welches durch die Hintertür trotzdem von der Brillanz der Australierin kündet. Mit „Green Light“ geht sie direkt zu Beginn aber erst mal in die Vollen. Ein gefühlsschwerer Auftakt mit tiefen, vereinzelten Klaviertönen, der von einem aufgekratzten Gesangspart in ein Terrain überführt wird, in dem das Klavier zu einem simplen Grundschlag zu tänzeln anfängt. Was folgt, ist ein beflügelter Hymnenrefrain, der die Tür zur Glückseligkeit ganz weit aufschlägt.

Damit lässt Lorde erst einmal aufhorchen, hallo, hier bin ich. Im Folgenden zündet sie ihr „Homemade Dynamite“ aber etwas sparsamer. „Sober“ gefällt sich eher im introspektiven, knisternden Nahkampf, hat dabei eine formvollendete, geschmeidige Eleganz und wirkt derart ausgefuchst, dass man staunen mag. „The Louvre“ holt sich von einer schroffen Schrammelgitarre ein wenig angeknackste Rauheit, pflanzt in dieses raue Gelände aber wieder einen dieser unwiderstehlichen Zauberrefrains hinein, die Percussions aus Pulverdampf sorgen zusätzlich für eine unwirkliche Atmosphäre.

Ganz stark sind auch die Klavierballaden: „Liability“ ist dabei ganz klassisch, Piano und Stimme, Regenwetter im Gemüt, Zweifel verpackt in melodische Größe. Und dann kommt Lorde mit einer Zukunftsvision zu ihrer Person, die hoffentlich niemals wahr wird: „The truth is/ I am a toy/ that people enjoy/ untill all the tricks don´t work anymore.“ Dies steht aber eigentlich nicht zu befürchten, so viel Raffinesse steckt in dieser jungen Frau. „Writer in The Dark“ steht bedrückt im Schatten, tritt dann aber mit vom Wahnsinn verzerrten Antlitz ins Scheinwerferlicht und präsentiert im Refrain eine liebesbedingte Zerrissenheit, die frösteln macht.

Solche Momente kann man nicht mit einem „toll für eine 20 Jährige“ abtun, dies ist genialer Pop von höchster Qualität, der mit den arrivierten Granden der Szene mühelos mithält. In „Hard Feelings/Loveless“ werden zwei Gesichter von Lorde zusammengelegt, die von ihrer Vielschichtigkeit künden. Zum einen das entspannte, unwirkliche sich treiben lassen, die geschmeidige Eleganz einer unaufgeregten Diva, die bereits jetzt schon nicht mehr das Gefühl hat, ständig auftrumpfen zu müssen. Das zweite Puzzlestück kündet mit seiner frechen Pfiffigkeit davon, dass in Lorde aber nach wie vor jede Menge juvenile Energie, gar Überschwang stecken. Diese Diagnose wird von dem reizvollen „Supercut“ und dem abschließenden „Perfect Places“ untermauert.

Lorde hat jetzt bereits eine Stufe der Vollkommenheit erreicht, der man als letztes Streberhaftigkeit unterstellen könnte. Dieses Album ist zwar in fast schon beängstigenden Maße ausgewogen und elegant ausformuliert, doch steckt jede Menge unverbrauchtes Leben, großes Staunen und jugendliche Verzweiflung drin. Dieses Glanzstück pulsiert und atmet vollmundig, ohne anzugeben.

 

8.5 Stars (8,5 / 10)