News

HIDDEN ORCHESTRA: Dawn Chorus

( Tru Thoughts/ Groove Attack) Joe Acheson hat eine sehr interessante Vorgehensweise, wenn es um sein musikalisches Projekt Hidden Orchestra geht. Er lädt jede Menge Gastmusiker zu sich ins Studio, nimmt deren Parts einzeln auf und setzt sie dann im Mix zusammen. So entsteht in der Bearbeitung ein fiktives Orchester, welches für die Aufnahmen so nie zusammengespielt hat. Dies passiert erst später, live und auf Tour. Dort übernimmt dann die wundervolle Poppy Ackroyd zum Beispiel das Klavier.

Und so kann man auch auf dem dritten Album des Hidden Orchestras den fröhlichen Umstand feiern, dass sich die Instrumente zwar zu einem übergeordneten Ganzen verbinden, ihre Einzigartigkeit und auch Eigenständigkeit jedoch niemals verlieren. Ob es sich nun um eine Klarinette handelt, die sowohl die tiefen Töne ansteuert oder in einer höheren Lage fragil und gläsern brilliert, ob das Cello selbstvergessen aber emotional engagiert seine Fußabdrücke hinterlässt oder aber das Saxophon sein klangliches Spektrum demonstriert, immer lassen sich aus den geschlossenen Kompositionen die einzelnen Elemente herausfiltern.

Ganz fein ist dabei das variantenreiche Klavierspiel geraten. Im eröffnenden „First Light“ wird nur eine hauchzarte Melodiefolge aufs Tableau gesprenkelt, im folgenden „Western Isles“ dürfen dann auch die tieferen Töne aktiviert werden, unterstützt durch, wenn nicht bedrohliche, zumindest aber schattenhafte Synthies.

Für Achesons Stücke stand übrigens diesmal die Vogelwelt mit ihren Gesängen, ihrem Trillieren aber auch dem Gekrächze von Raben Pate, die einzelenen Melodien, vor allem diejenigen, die das Klavier ausformuliert, basieren auf Field Recordings, die Acheson im Laufe der Jahre gemacht hat. Dadurch erhalten die Stücke eine Leichtigkeit, die trotz der herrschenden herbstlichen Melancholie immer prägend bleibt.

Den schönsten „Orchester“-Moment gibt es vielleicht in „Still“, wenn sich die entwickelte Spannung in einem furiosen Bläserfinale entlädt. Blech- und Holzbläser kommen hier zu einer wuchtigen Harmonie, die geradezu zwingend erscheint.

Über das Schlagzeugspiel muss dann ebenfalls das ein oder andere gesagt werden, denn dieses besticht durch eine Varianz, eine ungezwungene Beweglichkeit, die für jede Anforderung den passenden Ausdruck findet. Dabei halten sich die Drums im Hintergrund, sind Mittel zum Zweck, doch horcht man so manches Mal staunend auf ob der demonstrierten Flexibilität.

Die Kernstücke von „Dawn Chorus“ sind sicherlich „Wingbeats“ und das abschließende „East London Street“, beide jeweils jenseits der 10 Minutenmarke und beide besonders ausgefeilt im Aufbau. Bei „Wingbeats“ steht das wehmütige Cello im Mittelpunkt, Klaviertupfer und treibende Percussions stützen und kontrastieren den melancholischen Touch dieser Komposition und auch das Saxophon trägt eine erdige Note zu den vielseitigen Klangfarben bei.

„East London Street“ betont mit zahlreichen Vogelsamples noch einmal den natürlichen Ausgangspunkt für dieses Album, auch hier übernimmt das Cello die Aufgabe, eine wehmütige Prägung zu hinterlassen, das Schlagwerk verschleppt trotz großer Beweglichkeit ein wenig das Tempo und legt nach und nach an Intensität zu, das große Spektakel bleibt aber aus.

Und so wird man mit einem Gefühl der Demut aus dieser Platte entlassen, welche vor allem durch das Gleichzeitige von instrumentaler Detailhaftigkeit und allumfassneder Komposition eine Spannung erzeugt, die weit über die einzelnen Klänge hinausweist. Ein Album, welches aus der Natur seine Inspiration zieht aber auch die Kunstfertigkeit von Arrangement und Manipulation feiert.

 

7.0 Stars (7,0 / 10)