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J. BERNARDT: Running Days

( PIAS/ Rough Trade) Einen guten Geschmack zu besitzen kann von Vorteil sein, die dazugehörige Coolness räumt dann obendrein so manches Hindernis aus dem Weg. Jinte Deprez, als Solokünstler unter dem Namen J. Bernardt, kennt sich mit zurückhaltender Lässigkeit und geschmackvollem Soundkolorit bestens aus. Die Stücke auf „Running Days“ gefallen sich allesamt in eleganter Zurückhaltung, tragen dabei aber eine Eingängigkeit in sich, die zum Verweilen auf der Tanzfläche oder in stylischen Poptraumwelten einladen.

Es passiert irgendwie immer genau so viel an Sound, dass es weder monoton noch überladen wirkt. Die stumpfen Gitarrensprengsel in „On Fire“ haben eine rhythmische Ordnungsqualität und sorgen für eine runtergestrippte Knackigkeit, die von einem weit ausgebreiteten Beat gekontert wird. Der quasi Nicht-Refrain erscheint zunächst unspektakulär, das lakonisch runtergesungene Melodiekonstrukt besitzt dann aber eben genau das Maß an Eingängigkeit, um richtig haften zu bleiben. „Calm Down“ mit seinen begleitenden Vocalverrenkungen spielt die elegant/lässige Karte mit großer Selbstsicherheit aus, lässt tiefenentspannte Synthies aus dem Hintergrund ins Stück hinein und dem Refrain unter die Arme greifen. Dabei sei nochmals auf die unbeteiligte, fast schon gelangweilt routinierte Coolnes von Deprez hingewiesen. Mit relativ monotonem stimmlichen Spektrum geht der Mann seine Stücke an, leidet scheinbar auch in Verdruss und Frustration nicht unmäßig, sondern gießt seine Emotionen in wohlerzogene, elegante Melodien.

Das sechsminütige „The Other Man“ gönnt sich ein grollendes Piano und saftig klatschende Claps, die von wunderbar organischen Holzpercussions in den markanten Refrain geleitet werden. „The Question“ holt sich dagegen seine klangliche Coleur aus dem Punjab, fegt mit orientalischer Rhythmik durch den Vorbau des Songs, bis Mr. Bernardt wieder seinen distanzierten Gesang dazu einsetzt, für strenge Disziplin zu sorgen. Auch „Wicked Streets“ besitzt mit seinen satten Bläsern ein gewisses Spektakelpotential, wird aber von Deprez erneut an die kurze Leine genommen, so dass auch hier nichts ausufert oder ausbricht.

Dies ist dann auch gleichzeitig Schwäche und Stärke dieses Albums. Die arschcoole Selbstsicherheit, mit der Deprez seine Stücke präzise und zielsicher ins Ohr des Hörers pflanzt, zeugt zumindest von einem schlafwandlerisch sicheren Stilbewusstsein. Schade dabei ist jedoch, dass man nie das Gefühl hat, dem Menschen, der hinter der Musik steht, wirklich nahe zu kommen. J. Bernardts „Running Days“ ist eine formvollendet präsentierte Fassade, die mit großem Gespür für den passenden Sound von einer emotionalen Tiefe Abstand nimmt. Und so ist die einzige wirkliche Schwäche dieser Platte ihre Makellosigkeit, ein diszipliniert erzogenes Popwunderkind, welchem keine Ausraster zugestanden werden.

 

6.0 Stars (6,0 / 10)