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JAPANESE BREAKFAST: Soft Sounds From Another Planet

( Dead Oceans/ Cargo) Der Weg zum Inneren eines Menschen ist mitunter lang und beschwerlich. Jemand, der dir sagt, „lass uns 5 Minuten reden und ich sag dir, wer du bist“, ist entweder dumm oder ein Hochstapler. Und so überrascht es nicht, dass Michelle Zauner zu Beginn ihres Albums „Soft Sounds From Another Planet“ ein Stück stellt, welches man als Reise hin zu Zauners Persönlichkeit sehen kann, als notwendige Wegstrecke, um zu den inneren Befindlichkeiten der Künstlerin vorzustoßen.

„Diving Woman“ ist eine schier endlose Fahrt durch einen dieser kränklich-orange beleuchteten Tunnel, das gleichmäßige Vorrübergleiten der Lichter suggeriert Beständigkeit, doch ist das Unterbewusstsein alarmiert, eine Katastrophe könnte hinter der nächsten Kurve lauern, in Gedanken ziehen feedbackgeschwängerte Gitarrenwracks vorbei, deren sich einbrennendes Bild einen für die restliche Fahrt nicht mehr verlässt.

Und auch das folgende „Road Head“ spielt mit dem Wahnsinn im Harmonischen. Da konstruiert Zauner ein geschmeidiges Dream Pop-Tableau, doch irgendwie ist ihr sonderbar hoher und klarer Gesang mit trotzigem Gift getränkt. Rein vordergründig spielt Zauner mit ihren leichten Popnummern und den balladesken Nettigkeiten eine klassische Frauenrolle, ihr Unbehagen damit lässt sich aber immer gut nachfühlen.

Und wo wir schon die Balladen erwähnt haben: hier knirscht und ziept es gewaltig. Der Titeltrack hüllt sich in ein warmes Klangkleid, doch gibt es kleine Hinweise auf eine gewisse Anspannung. So setzt die Gitarre extra tief grummelnd ein, der Gesang ist narkotisiert und quält sich zu einem fiebrigen Engagement hinauf, bei dem die Stimme in den höheren Tonlagen fast bricht, das schöne Idyll bekommt bereits hier so manchen Kratzer.

„Boyish“ ist in Folge eigentlich ein klassisches Junge/ Mädchen-Ding, er schaut einer anderen hinterher, sie ist angepisst und so weiter…Doch was eine Dusty Springfield zu einer anderen Zeit noch dazu genutzt hat, um sich in den geigenuntermalten Pophimmel aufzuschwingen, erhält hier eine frustrierte und angenervte Grundnote, muss man sich damit wirklich noch auseinandersetzen, scheint Zauner zu denken.

Am Wohlsten fühlt sich die Amerikanerin wohl dann, wenn sie einfach mal Dampf ablassen kann, ungekämmte Schrammelnummern vom Stapel lassen, die sich um ein rollengerechtes Benehmen nicht scheren. So ein Song ist „12 Steps“, endlich mal locker aus der Hüfte schießen und nicht fragen, ob man das darf, herrlich.

Den betont schluffigen Indierock hat Michelle Zauner wunderbar verinnerlicht, immer dann, wenn es locker zugeht, scheint man dieser Person unverstellt am nächsten zu kommen, einfach atmen, einfach laufen lassen. Das eigentlich in jeder Zeile gleichzeitig genug Verletzlichkeit und schmerzerprobter Trotz stecken, macht „Soft Sounds From Another Planet“ zu einer bittersüßen Angelegenheit, die einem den nötigen Respekt abverlangt. Ob es schwelgerisch fragil wie in „Til Death“ zugeht oder ob man unter der oberflächlichen Popperfektion von „Machinist“ einen unkomfortablen Zeitraffereffekt wahrnimmt, Zauner lässt uns in sich reinschauen und teilt ihre tiefgreifende Unentschlossenheit mit uns: ist das jetzt gut oder schlecht, taugt das was oder verschwende ich meine Zeit? Die hadernde Ungewissheit schneidet tief rein und wir wollen und müssen das aushalten.

 

(7,5 / 10)