News

MIKE COOPER: Raft

(Room40) Lasst uns diese Besprechung mit einer Lobpreisung beginnen. Mike Cooper ist einer dieser unbesungenen Helden der Gitarrenmusik. Der Brite ist Musikkennern vielleicht dadurch bekannt, dass ihm einst in den frühen 60ern der Gitarristenposten bei den Stones angeboten wurde. Cooper lehnte jedoch ab und machte sein eigenes Ding

Dazu gehörten bemerkenswert lyrische Folkalben in den 70ern, immer an der Grenze zwischen solidem Songwriting und einfallsreicher Improvisation. Besonders zu empfehlen ist da „Trout Steel“, sein Debüt aus dem Jahre 1970. Mit den Jahren entfernte sich Cooper jedoch immer mehr vom klassischen Songformat, das Erforschen der Klangmöglichkeiten von Saiteninstrumenten wurde sein Fetisch, er landetete letztendlich bei einer ganz eigenen Form von Ambient.

Und da dockt „Raft“ an, Instrumente wie Steel Guitar und Gamelan bilden den Grundstock, der aber mit den verschiedensten Sounds gespiegelt wird. Flächige, sphärische Synthieflächen eskortieren das versonnene Spiel der Steel Guitar in „Raft 21 – Guayaquil To Tully“. Ein fast elysisches Idyll, wären da nicht die konfrontativen, unheimlich hohen Störtöne aus der Computerwelt, die dem Postkartenmotiv aus der Südsee das Wetter verhageln. Obwohl diese beiden Bestandteile deutlich kontrastieren, stehen sie in kommunikativer Verbindung miteinander. Die Folge ist ein unwirkliches Dahingleiten, ein himmelblauer Traum mit Zahnschmerzen.

„Raft 37 – Las Balsas“ geht diesen Weg weiter, die unheimlich voll und voluminös ausgespielte Steel Guitar trifft auf ihren eigenen Reverb. Man denkt, unter einem gleichmäßigen Wellengang finde ein geiheimnisvolles Brodeln statt. Trotz dieser latenten Unruhe hat diese Musik etwas Trancehaftes, Beiläufiges. Manchmal meint man sich in den genüsslich gezupften Saiten zu verheddern, aus diesem unwahrscheinlichen Wohlklang mag man aber gar nicht befreit werden.

„Raft 28 – Vital Alsar“ gönnt dem maritimen Flitterwerk einen elektronischen Beat, der aber fast wie ein Fremdkörper erscheint, da das warmtönende Plingern und Klimpern fast schon vollkommen genug ist. Gängiger Unterhaltungsmusik kommt dieser Track dennoch am nächsten.

Was dann folgt, ist ein gewaltiger Bruch: Waren die ersten Stücke allesamt luftig und tendenziell hell, geht es mit „Raft 33 – Malama Honua“ in den Keller. Ein unaufhörliches Ziepen von aufgenommenem Insektengesang unterlegt ein Stück, welches seine Instrumente nur sporadisch einsetzt. Diese scheinen weit von einander entfernt zu stehen, was den Eindruck erzeugt, man befinde sich in einem tiefen Schacht gefangen. Auch das Gamelan in „Raft 29 – Honey Hunters“ erzeugt mit seinem rhythmisch verlängerten, blechernen Glockenklang eine fiebrige Zwanghaftigkeit, die die Luftigkeit der ersten Albumhälfte in weite Ferne rückt.

War alles zu Beginn noch leicht und unbewölkt, zieht jetzt eine bedrohliche Düsternis auf, wie des Nachts im Dschungel. Es ist schwül, Schlamm klebt an den Füßen und man sieht sich einer gefährlichen Üppigkeit der Natur ausgesetzt. Erst „Raft 27 – Guayaquil To Ballina“ geht wieder den Weg ins Helle, die Töne tröpfeln einzeln in den Raum, Leichtigkeit macht der drückenden Zuspitzung der vorangegangenen Stücke Platz.  Man fährt wiederrum in das Idyll eines sicheren Hafens ein.

Mike Cooper lässt mit seiner Musik das Nachfühlen von Leichtigkeit und Schwere zu, trägt dabei den klanglichen Fähigkeiten seiner Instrumente Rechnung und erzeugt damit eine Reise vom Hellen ins Dunkel und wieder zurück. Eine leichte Variante von Kopfkino, deren klangliche Varianz ganz intuitiv aufgenommen und verstanden wird.

 

8.0 Stars (8,0 / 10)